Deutsche Ankeruhrenfabrik Richard Glaeser 1885 - 1920

Der 1856 geborene Glashütter Uhrmacher Richard Glaeser begann 1870,noch beim Gründer der Glashütter Uhrenindustrie Adolf Lange seine dreijährige Uhrmacherlehre. Da er schon bei seinem Vater vor seiner Lehre in der Werkstatt helfen musste, konnte er 1926 zu seinem 70. Geburtstag auf ein über 60-jähriges Arbeitsleben zurückblicken. 1927 vermittelte er in einem Interview, das er der Deutschen Uhrmacher-Woche gab, einen interessanten Einblick in die Arbeitswelt der Uhrmacher in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Richard Glaeser - Erinnerungen eines alten Glashütter Uhrmachers

Richard Glaeser Erinnerungen.pdf
Adobe Acrobat Dokument [28.4 KB]
Download
Firmenstempel

Die Gesamtzahl der von der Firma Richard Glaeser gefertigten Glashütter Präzisionstaschenuhren beläuft sich auf ca. 1500 Stück.

Da er weder über eine eigene Rohwerke- bzw. Gehäusefertigung verfügte, bezog er die Gehäuse, Zifferblätter und Spiralen aus der Schweiz. Für die anderen Teile hat er, soweit er sie nicht sebst gefertigt hat, auf Teile aus dem "Glashütter Verlagssystem", wie z.B. Gestellteile, Gangpartie, Tiebe, Schrauben, Funktions- und Lagersteine, Zeiger usw., zurückgegriffen.

Zifferblatt und Werksignatur der Uhrmacherfirma Richard Glaeser

Turnen, die zweite Passion des Richard Glaeser

Von 1895 bis 1906 war er neben der Tätigkeit in seiner Firma gleichzeitig im Nebenberuf als Turnlehrer an der Deutschen Uhrmacherschule Glashütte tätig.

Ausstellung zum Stadtjubiläum 1906

Anlässlich der 400 Jahrfeier wurde unter anderem eine große Ausstellung der Glashütter Uhren- und Feinmechanischen Industrie organisiert."Auch die Firma Rich. Glaeser hatte einen Schaukasten mit Taschenuhren ausgestellt, während die Firma Paul Glaeser ihre Spezialarbeiten vorführte, nämlich Taschenuhrenzeiger (Louis XV.) in den verschiedenen Stadien der Herstellung, Seechronometer- und feine Pendeluhrzeiger, sehr schöne Schliffe und Polituren von Aufzugrädern, Sperrkegeln und dergleichen."

Absatzprobleme bei den noch handwerlich gefertigten Glashütter Präzisionstaschenuhren

Im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts kamen die kleinen Glashütter Uhrmacherunternehmen mehr und mehr in Schwierigkeiten. Bedingt war das dadurch, dass sich die wesentlich preisgünstigere industrielle Fertigung von Glashütter Präzisionsuhren immer mehr durchsetzte. Neben den Firmen A. Lange & Söhne und Union Dürrstein & Co. Glashütte hatte sich u.a. 1904 mit der Firma "Glashütter Präzisions-Uhrenfabrik Aktiengesellschaft" ein mit modernsten Methoden produzierende Fabrik etabliert, die ihre Produkte wesentlich günstiger anbieten konnte. Die Folge war, dass der Absatz der noch handwerklich gefertigten Uhren der Kleinindustriellen immer mehr zurückging und damit auch die Firmen des Glashütter Verlagssystems immer weniger wurden, was die Kosten  ihrer Abnehmer, die darauf angewiesen waren, weiter steigerte.

 

Ein 1907 in der Deutschen Uhrmacher-Zeitung erschienener Beitrag legt darüber beredtes Zeugnis ab.

 

"Eine Beschwerde über eine Glashütter Firma ist von einem Uhrmacher aus Böhmen an uns gelangt. Ihre Unterlage bildet eine Anzeige im »Österreichisch-Ungarischen Maschinenmarkt«, die folgenden Wortlaut hat: »Glashütter Präzisionsuhren. Verkauf nur an Private. 25 Prozent billiger als beim Uhrmacher. Illustrierte Preisliste gratis. Richard Glaeser, G l a s h ü t t e , Sa.« Auch ein Zirkular der genannten Firma war beigefügt, aus dem wir den Satz entnehmen: »Ich verkaufe mein Fabrikat nur an Private direkt; habe das alleinige Recht deshalb, weil ich weder einem Uhrmacher- noch einem Grossisten-Verbande angehöre!« Es ist ja leider schon öfter vorgekommen, daß Glashütter Fabrikanten an Private geliefert haben; aber die oben genannte Firma versteift sich darauf, nur an Private zu liefern, die sie auch noch 25 Prozent billiger bedienen will. Wir haben daher Herrn R. Glaeser um seine Erklärungen in der Angelegenheit ersucht. Herr G. bestätigte die vorstehenden Angaben und erklärte, zu seinem Vorgehen gezwungen worden zu sein. Es sei ihm nicht gelungen, bei Uhrmachern befriedigenden Absatz zu finden, und mau habe seine Fabrikate fortgesetzt herabzusetzen gesucht, obwohl er nur Material erster Qualität von den gleichen Glashütter Hausarbeitern beziehe und verwende, wie die übrigen Glashütter Fabrikanten ebenfalls. Kurz, Herr G. meint, daß man ihn gezwungen habe, sich an Private zu wenden. Wir sind dem gegenüber der Ansicht, daß diese Erklärung noch lange nicht rechtfertigt, daß Herr G. »nur« an Private liefern will und daß er durch den Zusatz »25 Prozent billiger als beim Uhrmacher« die allgemeinen Interessen der Uhrmacher auf das schwerste schädigt. Er geht, wenn er in bereditigter Abwehr zu handeln glaubt, in seinen Mitteln viel zu weit. Es ist höchst bedauerlich, daß wir aus Glashütte einen soldien Zustand zu berichten haben. An einer Erörterung, wen hier etwa die Schuld trifft, wäre uns aber gar nichts gelegen; nur die B e s e i t i g u n g so ungesunder Zustände erheischt das Fachinteresse. Sollte es dafür keine Mittel und Wege geben?"

1920 - Das Ende der Deutschen Ankeruhrenfabrik Richard Glaeser

Während des 1. Weltkrieges war die Fertigung von Uhren auch bei der Firma Glaeser zugunsten der Kriegsproduktion, die erheblich Gewinnträchtiger war, eingestellt worden. Den rasanten Aufschwung der industriellen Taschenuhrfertigung den Glashütte mit der Gründung der Deutschen Präzisionsuhrenfabrik e.G.m.b.H., in den Jahren nach 1918 nahm, hatte die sich auf das Glashütter Verlagssystem stützende handwerklich geprägte Uhrenfertigung, nichts mehr entgegen zu setzen. So musste auch Richard Glaeser seine Firma aufgeben. Da sei n in den Kriegsjahren erwirtschafteter Gewinn, durch die Inflation zu Beginn der 1920er Jahre sich in Luft auflöste, war er, bis zu seinem Tod 1928, gezwungen sich seinen Unterhalt mit Reparaturarbeiten in seiner häuslichen Werkstatt, zu verdienen.

1928 wurde in Nummer 12 der Uhrmacher-Woche die nachfolgende Todesanzeige von Richard Glaeser, Glashütte, veröffentlicht.

 

„Sonntag, den 11. März, wurden die sterblichen Reste des in weitesten Kreisen der Uhrmacherschaft bekannten Herrn Uhrmachermeisters Richard Glaeser in Glashütte, der am 7. März nach kurzem Krankenlager im Diakonissenkranken­haus zu Dresden an einem Altersleiden ge­storben ist, auf dem Friedhofe zu Glashütte zur letzten Ruhe ge­bettet. Ein ungewöhn­lich großes Trauerge­leite und mannigfal­tige Ehrungen am Grabe waren Beweis für die Beliebtheit dieses als „Glashütter Original" bekannten Mannes. Wir haben zu seinem 71. Geburts­tage im vorigen Jahre (Nr. 12 der Uhrmacher-Woche) die „Erinne­rungen eines alten Glashütters", des Herrn Richard Glaeser, gebracht und verwei­sen auf diesen Artikel, der auch eine Art Lebens-Chronik enthält.

Hier sei außerdem festgestellt, daß der Verstorbene einer der legten ist, der noch unter dem Gründer der Glashütter Uhren­industrie, F. A. Lange, gelernt und gearbeitet hat. (Nun lebt in Glashütte nur noch der betagte Uhrmachermeister Herr F r a n z S o m m e r, der ein Schüler des Altmeisters Lange ist). In früheren Jahren gehörte Herr Glaeser dem Gemeinde-Kollegium an. Er hat sich auch um die deutsche Turnerei Verdienste erworben (viele ehemalige Uhrmacherschüler der ältesten Jahrgänge werden sich seiner als urwüchsigen „Turnlehrer" erinnern), und ist bald ein Menschenalter lang Vorsitzender der Priv. Schützengesellschaft gewesen, deren Volksfeste er auf eine beachtliche Höhe gebracht hat. Sein originell bieder-derbes Wesen wird jedem, der ihn gekannt hat, unvergeßlich bleiben.“

Literatur:

  • Deutsche Uhrmacher-Zeitung 1906 Nr. 21 S. 332
  • Deutsche Uhrmacher-Zeitung 1907 Nr. 7 S. 105
  • Die Uhrmacher-Woche 1927 Nr.12 S. 188-189
  • Die Deutsche Uhrmacher-Woche Nr.12 S. 190-191
  • Lexikon der Deutschen Uhrenindustrie 1850 - 1980 : Firmenadressen, Fertigungsprogramm, Firmenzeichen, Markennamen, Firmengeschichten; Autor: Hans Heinrich Schmid; Herausgeber: Förderkreis Lebendiges Uhrenindustriemuseum e.V.; ISBN 3927987913

Aktualisiert 20.05.2012

Uhrenmuseum Glashütte (mit einem Video hinterlegt)

Google Übersetzer

Ankergang Ankergang

Besucherzähler

Counter