Kaliber 100 Marinechronometer

Vorgeschichte der Marinechronometerfertigung in Glashütte

Ferdinand Adolf Lange hatte sich bereits während seiner Zeit beim Hofuhrmacher Gutkäs in Dresden und Joseph Thaddäus Winnerl in Paris mit der Kunst des Chronometerbaues vertraut gemacht, aber sein Wissen, was den Bau von Marinechronometern betrifft, zu seinen Lebzeiten nicht mehr umgesetzt.

Es kann aber durchaus davon ausgegangen werden, dass er seinen Sohn Richard mit diesem Wissen vertraut gemacht hat. 1877, zwei Jahre nach dem Tod von Adolf Lange, wurde durch die 1875 gegründete Deutsche Seewarte Hamburg ein jährlicher Wettbewerb zur Prüfung von Seechronometern ausgelobt. Das war eine der Aufgaben, die der Deutschen Seewarte Hamburg, im Bemühen um einen rein deutschen Chronometerbau, von der Kaiserlichen Admiralität zugewiesen wurde.

Es bestand in dem aufstrebenden deutschen Kaiserreich ein erheblicher Mangel an eigenen deutschen Seechronometern, was im durch Bismarck geeinten Deutschen Reich ein Problem wurde. Schließlich strebte man nach dem „Platz an der Sonne“, der ja bekanntlich über die Weltmeere führt. Und nach dem Willen des Deutschen Kaisers sollte man ja auch eine Seemacht werden. Sicherlich wird dieser sich für die Zukunft abzeichnende aufstrebende Markt dem Kaufmann Emil Lange nicht verborgen geblieben sein. So ist es nicht verwunderlich, wenn die Firma A. Lange und Söhne sich den Zeichen der Zeit stellt und 1886 mit den Seechronometern Nummer 1 und der Nummer 3,  allerdings vorerst nur mit mäßigen Erfolg, an dem Wettbewerb der Seewarte Hamburg beteiligt. Nummer eins fiel wegen falscher Kompensation durch und Nummer 3 bestand nur die Prüfung in der 2. Klasse.

Die Rohwerke dafür sollen von der Firma Strasser & Rohde geliefert worden sein.

Unter der als sicher anzunehmenden fachliche Anleitung von Ludwig Strasser, bei dem zu der Zeit Paul Stübner in Stellung ist, geht die Konstruktion des Glashütter Marinechronometers auf Fridolin Stübner zurück, der ab 1886 bei Dürrstein & Comp. angestellt war. Dabei sollte man von einer gemeinschaftlichen Arbeit der Brüder ausgehen. Die sehr engen wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der Firma A. Lange & Söhne und der Firma Dürrstein lassen den Schluss zu, dass Fridolin Stübner auch schon die ersten Glashütter Marinechronometer, die zur Prüfung nach Hamburg geschickt wurden, gefertigt hat. Gestützt wird diese Annahme auch noch durch die Tatsache, dass Friedolin Stübner von 1890 an bis zu seinem Tod 1912 als Regleur mit immer größer werdenden Erfolg für die Firma A. Lange & Söhne in der Chronometerfertigung tätig war.

Vorrangige Chronometerfertigung für die Kaiserliche Marine

Die 1895 in der 1. Klasse (vorzüglich) erzielten Prämien für die eingereichten Chronometer Nr. 2 (2. Platz) und Nr. 4 (6. Platz) veranlassen Emil Lange dann 1897 zum Aufbau einer speziellen, separaten Abteilung für die Fertigung von Marinechronometern. In dieser Werkstatt wurden jetzt auch Rohwerke für die eigenen Marinechronometer gefertigt.

Bis 1910 wurden dann von den insgesamt 191 von verschiedenen Glashütter Firmen zur Prüfung eingereichten Marinechronometern allein von der Firma A. Lange & Söhne 120 Stück gefertigt

Werbung der Firma A.Lange & Söhne von 1904

Nach dem Tod von Fridolin Stübner tritt im November 1912 für sieben Jahre Jens Lauritz Jensen, der vorher seit 1898 eine eigene Firma zur Chronometerfertigung (bis 1910 73 Stück) betrieben hatte, an dessen Stelle. Ihm folgt 1920 für drei Jahre Gustav Gerstenberger, der bereits seit 1914 und nach 1923 wieder freiberuflich für die Firma A. Lange & Söhne als Chronometerregleur tätig war.

Bis 1920 waren es dann schon 384 Marinechronometer die von der Firma A. Lange & Söhne zur Prüfung eingereicht worden waren. Nicht wenige der an die Deutsche Kriegsmarine gelieferten Chronometer dürfte allerdings 1918 bei Scapa Flow (Video) verlustig gegangen sein.

Eine neue Generation von Fachleuten in der Chronometrie

1921 wurde dann nach 16-jähriger Tätigkeit im Bereich Chronometrie Paul Thielemann als Werkmeister die Verantwortung für diese Abteilung übertragen. Zur 47. Prüfung 1923/24 wurden die von ihm regulierten Lange-Chronometern Nr. 476 und 546 eingereicht. Beide errangen in der 1. Klasse auf Anhieb Platz 9 und 12. Ein Jahr später konnte er schon einen 4. Platz in der ersten Klasse erringen. Obwohl die Ausrüstung der Deutschen Seeschifffahrt mit in Deutschland gefertigten Chronometern nach einer 1934 erfolgten Erhebung von der See-berufsgenossenschaft nur 20% beträgt, werden von  1933 bis 1939 aus Glashütte nur noch von der Firma A. Lange & Söhne gefertigte Marinechronometer zur Prüfung nach Hamburg eingereicht. Das lässt vermuten, dass die deutsche Chronometerfertigung für einen weiter verbreiteten Absatz doch noch zu unrentabel, sprich teuer, war. Ein Faktum, dass für die spätere Seekriegsführung ein Problem dargestellt haben dürfte. Mit veränderten Anforderungen an die Marinechronometer, versuchte man von staatlicher Seite bereits 1936 gegenzusteuern und damit auch ausländische Konkurrenz zurückzudrängen. So werden u.a. ab 1936 folgende Details verändert:

Das Sperrrad und die Sperrklinke werden in Messing ausgeführt. Gleiches trifft für die verwendeten Schrauben, die bisher aus Stahl waren, zu. Es wird auch eine antimagnetische Unruh und bei den Ankerchronometern eine Nivarox-Spirale verwendet. Einteiliger Oberdeckel, Zifferblätter aus Aluminium und weitere Versuche die Marinechronometer in einer Antimagnetischen Ausführung herzustellen, kennzeichnen die Zeit bis es kriegsbedingt 1942 durch staatlichen Eingriff zur Einstellung des Baues des klassischen Glashütter Marinechronometers und der Herstellung des Einheitschronometers kommt.

Mit der Nummer 1.430 wird der Bau von Glashütter Marinechronometern mit Ankerhemmung und mit der Nummer 830 der Bau der Marinechronometer mit der klassischen Glashütter Chronometerhemmung eingestellt.

1947 die Wiederaufnahme der Produktion des Glashütter Marinechronometers Kaliber 100

Nach dem Ende der Fertigung des Einheitschronometer im November 1947 stellte sich die Frage einer Chronometerfertigung bei der Firma A. Lange & Söhne völlig neu.

 

Ob nach dem Know-How Transfer mit dem Aufbau eines 3-Pfeiler Chronometerbaues in der Sowjetunion auch ein Verbot der Eigenfertigung dieses Einheitschronometers für die Uhrenindustrie in der damals noch sowjetischen Besatzungszone gab, liegt im Bereich des Möglichen, ist aber bisher nicht bekannt.

 

Ungeachtet dessen hatte die hervorragenden alten Glashütter Chronometer-Spezialisten  erkannt, dass man mit diesem drei Pfeiler Chronometer hinter den bereits vor dem 2. Weltkrieg erreichten Ergebnissen bei den Gangleistungen der alten Glashütter Marinechronometer Kaliber 100 auch bei bester Qualitätsarbeit zurückbleiben würde. Es war also nicht Erfolg versprechend, auf diesem Wege weiter zu machen.

Nach den Zerstörungen des zweiten Weltkrieges auch auf dem Gebiet der Schifffahrt und den hohen Verlust an Marinechronometern, zeichnete sich ein sehr großer Bedarf und damit im Chronometerbau Arbeit und Broterwerb für viele Jahre ab.

Die Altvorderen auf diesen Gebiet, u.a. Paul Thielemann, Gustav Gerstenberger wie auch die Beschäftigten der Zuliefer-Firmen wie z.B. die Firma Grießbach, mussten diese Aufbauarbeit  leisten. Zu viele gute Fachleute waren im Krieg gefallen oder in Gefangenschaft.

Da wesentliche Teile der Unterlagen des alten Glashütter Marinechronometers Kaliber 100 kriegsbedingt nicht mehr zur Verfügung standen, musste man anhand alter Chronometer, die man sich beschaffte, mit dem vorhandenen Wissen und Erfahrungen das Glashütter Marinechronometer im wahrsten Sinne des Wortes neu erfinden.

 Video zur Ansicht und Funktion eines des Marinechronometers


Da man 1942 mit der Nummer 830 die Produktion des klassischen Glashütter Marinechronometer einstellen musste, begann 1947 bei

A. Lange & Söhne in Glashütte, die neue Ära dieses Marinechronometers Kaliber 100 mit der als ersten vergebenen Nummer 836.

 

Die Fertigungsperiode nach der Verstaatlichung in der sowjetisch besetzten Zone und der DDR von 1848 bis 1951

Eine weitere Zäsur ist die im April 1948 erfolgte Verstaatlichung der Firma A. Lange und Söhne. Der enteignete Firmenchef Walter Lange verließ Glashütte und versuchte einen Neustart in den westlichen Besatzungszonen Deutschlands Unter der zentralen Verwaltungsregie der VVB Mechanik Dresden wurde das A. aus dem Firmennamen gestrichen und dem Lange & Söhne ein VEB angehängt, was nach Verbrauch bereits vorhandener Werkteile und Funituren auch auf den Zifferblättern, Werken und Schutzkästen ausgewiesen wird.

 

Als man am 10. August 1949 bei der Nummer 1000 angelangt war, musste man mit der Nummerierung die 1000 Nummern überspringen, die bereits vor 1945  für die Ankerchronometer vorgesehen waren.

Die Nummerierung wird dann mit 2001 fortgesetzt. Mit der Gründung der DDR am 7. Oktober 1949 ändert sich vorerst nichts Wesentliches in der Chronometer Produktion. Die nächste große Veränderung vollzieht sich dann aber schon im Jahr 1951 mit dem staatlich gewollten und durch die VVB Mechanik Dresden als Verwaltungsorgan aller volkseigenen Uhrenbetriebe Sachsens forcierten Zusammenschluss der Volkseigenen Betriebe der Uhrenindustrie in Glashütte und damit auch Lange & Söhne VEB, zum VEB Glashütter Uhrenbetriebe am 1. Juli 1951.

Anfang August stellt dann der Altmeister Paul Thielemann das in der Bildergalerie gezeigte Glashütter Marinechronometer mit der Nummer 2373 als eines der Letzten  der Firma Lange & Söhne fertig.

Das hier gezeigte Marinechronometer ist mit der Nummer 2373,

das bisher früheste beschriebene, welches bereits das 1950 eingeführte höchste Gütezeichen Q für herausragende weltmarktfähige Spitzenqualität verliehen bekommen hatte. Voraussetzung dafür war eine Prüfung durch das Deutsche Amt für Maß und Gewicht (DAMG).

Die Glashütter Uhrenbetriebe setzten die Chronometerproduktion nicht nur fort, sondern steigern sie ganz erheblich.

Bereits seit 1974 begann man parallel zur traditionellen Chronometerfertigung, mit dem Bau des quarzgesteuerten Marinechronometers Kaliber 1-71.

 

Im Jahr 1978 endet dann, nach 90 Jahren, mit der Nummer 13190 die Produktion des mechanischen Chronometerbaues in Glashütte.

 

Weitere Informationen zur Fertigung des Marinechronometers Kaliber 100  in der GUB finden Sie hier.

Der Beitrag erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, stellt den derzeitigen Kenntnisstand dar und wird, wenn neue verifizierbare Erkenntnisse vorliegen, entsprechend ergänzt.

Literatur:

  • Das Klassische Marinrchronometer in der Glashütter Produktion; Autor: Ing. Otto Thielemann; Fachzeitschrift Uhren und Schmuck Heft 1/1980
  • Marine-Chronometer aus Glashütte, Autor; Christian Schmiedchen; Uhrenjournal für den Sammler; Heft 8/1991
  • Glashütter Armbanduhren II; Autor: Kurt Herkner; Herkner Verlags GmbH; ISBN 3-924211-06-X
  • Marine- und Taschenchronometer. Geschichte - Entwicklung - Auswirkungen; Autor: Hans von Bertele; ISBN 3766705121
  • „Die Entwicklung der Glashütter Uhrenindustrie“  Autor Ing. Helmut Klemmer u. Edith Klemmer Fachzeitschrift: Uhren und Schmuck 1/1979 bis 4/1980
  • Deutsche Hersteller von Präzisionsuhren: Paul Stübner aus Glashütte Autor, H. J. Kummer Chronosbeilage „Klassik Uhren“ Heft 6/2000  
  • Die Chronometermacher in Deutschland im 19. Jahrhundert; Autor Manfred Lux Fachzeitschrift „Alte Uhren und moderne Zeitmessung“ 12/1988
  • Die Uhren von A.Lange & Söhne, Autor Martin Huber, München

Aktualisiert 20.05.2012

Uhrenmuseum Glashütte (mit einem Video hinterlegt)

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