1965 "Spezimatic" auf Friedensfahrt

Anlässlich der 18. Internationalen Friedensfahrt 1965, der größten Amateurradrundfahrt durch die DDR, die VR Polen und die CSSR, startete unter dem  Motto „Kontakt mit der Zeit“; eine der größten und komplexesten Werbeaktionen in der Geschichte der DDR. Die Erzeugnisgruppe Uhren unter der Regie der VVB Mechanik exportierte ihre Produkte zu dieser Zeit in über 50 Länder der Erde, 5 Kontinente und alle Klimazonen. Neben der Präsentation auf der Leipziger Messe sollten vor allem die Spitzenerzeugnisse „Spezimatic“ aus den Glashütter Uhrenbetrieben und „Ruhla Elektrik“ aus den Uhrenwerken Ruhla auch einem Härtetest unterzogen werden um in erster Linie die Exportchancen vor allem in Länder mit frei konvertierbarer Währung zu erhalten und gegebenenfalls zu erhöhen. So wurde die eine Hälfte der DDR Friedensfahrt Mannschaft mit der Glashütter „Spezimatic“ und die andere Hälfte mit der „Ruhla Elektrik“ ausgestattet, um sie während der gesamten Rundfahrt bei Wind und Wetter zu tragen. Es wurden auch täglich Vergleiche der Gangergebnisse gemacht. Am Ende der Rundfahrt, nach über 2000 km, konnte man mit nur 30 Sekunden Gangdifferenz auf ein hervorragendes Ergebnis verweisen.

Was hatten die Strategen der VVB aber bei dieser von „langer Hand“ geplanten komplexen Werbeaktion noch so alles in petto? Der Materialtest sollte ja Publikumswirksam mit entsprechenden Werbeaktionen in Szene gesetzt werden.

Eine der Zielstellungen war es zum Beispiel „die Uhr aus ihrem „zurückgezogenen Dasein“ hervorzuholen sowie die Wunschvorstellung zu wecken, eine Uhr zu besitzen“. Da alle Medien, wie Film, Fernsehen, Rundfunk und Presse, täglich ausführlich über dieses sportliche Großereignis berichteten, wollte man diese Gelegenheit auch umfassend für die genannte Zielstellung nutzen. Das Motto der Werbeaktion „Kontakt mit der Zeit“ fand man an allen DDR Etappenorten, vor allem an den Stellen die von Kameras erfasst wurden, auf Fahnen, Plakaten, Banden und auch auf den Kappen, Renntaschen und Verpflegungsbeuteln der DDR Mannschaft.

Begonnen wurde die Kampagne noch vor dem Start in Berlin mit einem von allen Medien begleiteten Besuch in den Glashütter Uhrenbetrieben, dem „Geburtsort“ der Spezimatic.

Mitarbeiter der VVB Mechanik und der Uhrenindustrie, die die Rundfahrt begleiteten, waren für die gesamten organisatorischen Maßnahmen verantwortlich, die sich wie folgt aufgliederten: „werbemethodische Aufgaben, Kundendienst (Kundenbesuche beim Groß- und Einzelhandel) und Berichterstattung“. Zu den werbemethodischen Aufgaben gehörte es z.B. zwei Stunden vor der Ankunft der Fahrer - die Tour de France lässt grüßen - Werbemittel wie bedruckte Schirmmützen, Luftballons, Tücher, Postkarten und Jo-Jo Spiele zu verteilen. Zu den Siegerehrungen wurde eine Wanderausstellung der Uhrenindustrie mit sechs quadratmetergroßen Tafeln und einer Glasvitrine auf- und natürlich auch wieder abgebaut. Ob die Glasvitrine die tägliche Prozedur schadlos überstanden hatte, ist nicht überliefert, darf aber bezweifelt werden. Parallel zu den bereits genannten Aktivitäten wurden an allen DDR Etappenorten die Direktoren von Kaufhäusern sowie Verkaufsstellenleiter von Fachgeschäften mit folgenden Fragestellungen konfrontiert.

  1. Welche Uhrenmarken werden gefragt?
  2. Wie ist der Kundendienst entwickelt?
  3. Welche Markenuhren aus welchem Land verkaufen sie am meisten?
  4. Verlangt man zu besonderen Anlässen eine Zweituhr?
  5. Wird die Uhr als Geschenk gekauft?
  6. Begründung für den Uhrenkauf (Vertrauen, Tradition, Qualität, Bedienung, Garantie, Fensterauslagen, Bekanntheitsgrad?)
  7. Was ist das Wichtigste beim Uhrenkauf?
  8. Wissen Sie, wie genau Ihre Uhr geht?

Diese Informationen sowie weitere Ergebnisse von Meinungsumfragen bei Verbrauchern wurden sorgfältig ausgewertet und „dienen als Grundlage für die weitere Marktdurchdringung mit gezielten Informationen und Werbemitteln“, bis weit in die 1970er Jahre hinein.

Weitere Aktionen waren u.a. ein Werbefilm der in allen Kinos gezeigt wurde, Sondersendungen in Rundfunk und Fernsehen, Werbeannoncen in Tageszeitungen, Vertrieb von Werbemitteln über die GHG´s an über 4000 Wahrenhäuser und Uhrengeschäfte zur Schaufenstergestaltung. An den Etappenorten Berlin, Dresden und Stary Smokovec fanden darüber hinaus noch spezielle Pressekonferenzen statt.

Das  Fazit dieser komplexen Werbeaktion wurde in der DDR Fachzeitschrift „Neue Werbung“ wie folgt publiziert:

„Alle Partner der Uhrenindustrie mussten als Kollektiv an der gemeinsamen Aufgabe mitarbeiten. Es lassen sich Wechselbeziehungen zwischen der Uhrenindustrie und dem zentralen Warenkontor oder dem Außenhandel entwickeln, die mess- und kontrollierbar sind. Außerdem lässt sich der Wirkungsradius der Werbemittel steigern, wenn man von vornherein die Aufgaben für die einzusetzenden Werbemittel festlegt. Darum wurde die Intensität der einzelnen Werbemittel, ihr zeitlicher und regionaler Einsatz, die psychologische Hinstimmung auf bestimmte Verbraucherschichten und die zum gleichen Zeitpunkt durchgeführte Massen- und Personengruppenwerbung (getrennt nach Verbraucher und Verkäufer) nach werbemethodischen Gesichtspunkten geplant und verwirklicht. Mit der Zusammenführung aller Maßnahmen konnte eine werbliche Ausstrahlung von beachtlicher Breitenwirkung erreicht werden.“

 

Auch wenn es manchem heutzutage unwahrscheinlich vorzukommen scheint,

das alles fand 1965 vor mehr als vier Jahrzehnten in der planwirtschaftlich geprägten DDR wirklich so statt.

Der Beitrag erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, stellt den derzeitigen Kenntnisstand dar und wird, wenn neue verifizierbare Erkenntnisse vorliege, entsprechend ergänzt.

Literatur:

  • Neue Werbung Heft 10/1965 S.14-17
  • GUB Werbmaterial
  • http://www.myvideo.de/watch/152375/Glashuetter_Uhren
  • http://www.bundesarchiv.de

Aktualisiert 30.04.2017

Deutsches Uhrenmuseum Glashütte - Das Bild  mit Video hinterlegt
Deutsches Uhrenmuseum Glashütte - Das Bild mit Video hinterlegt

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