„Gruensche Uhrenfabrikation Gruen und Assmann“ in Glashütte

1894 - vermutl. bis 1900 - eine Deutsch-Amerikanische Firmenverbindung

Während der Dresdner Grossist Johannes Dürrstein in Glashütte die neue Uhrenfirma „Union Glashütte“ aufbaut, lernt Paul Assmann den 1892 bis 1893 an der Deutschen Uhrmacherschule Glashütte in Ausbildung befindlichen Frederick Gustavus Gruen kennen.[1] Dieser ist der Sohn des nach den USA ausgewanderten, deutschstämmigen Uhrenfabrikanten Dietrich Gruen. Gemeinsam gründen die drei 1894 die „Grünsche Uhrenfabrikation Grün und Assmann“ in Glashütte. Die bisherige Firma J. Assmann Deutsche Anker-Uhren-Fabrik Glashütte i. Sa. blieb parallel zu dieser neuen Firma bestehen. [2]

Diese Aufnahme entstand 1894 anlässlich der Gründungsfeier der "Gruenschen Uhrenfabrikation Gruen und Assmann" in Glashütte.

  • Vordere Reihe sitzend v. L.: Leelhammer, Artuhr Burkhard, Frederick Gruen, Dietrich Gruen, Paul Aßmannn, Gustav Gessner, Güldener.
  • Mittlere Reihe v. L.: Paul Gollmann, Georg Rehme, Reichel, Otto Lindig, Bruno Streller, Carl Maucksch, Pretschner?, Halmich, Hanke, Gollmann sen., Scheinert, Kohl sen., Freigang, -?-, Klotz und der 14-jährige Ernst Aßmann, ältester Sohn von Paul Aßmann.
  • Hintere Reihe v. L.: Max Winkler (Gangmacher), Theodor Müller, Salomo, -?-, Walter Sachse, Richard Kohl, Paul Gläser.

 

Vertreter der Firma A. Lange & Söhne waren hier bezeichnenderweise nicht anwesend.

 

Frederik Gruen                                      Paul Aßmann

Nachdem Dietrich Gruen aus der Uhrenfabrik, bei der er Teilhaber war, ausgeschieden war und sein Sohn Frederik seine Ausbildung an der Deutschen Uhrmacherschule abgeschlossen hatte [2], reifte der Plan, mit den in Glashütte erworbenen Kenntnissen ein neues Präzisions-Taschuhrwerk nach Glashütter Qualitätsmaßstäben zu konstruieren, in Glashütte die Rohwerke zu fertigen, sie in den USA in einer neu zu gründeneden Fabrik einzuschalen und zu vertreiben.

Dabei sollte das von Dietrich Gruen 1874 erworbenes Patent eines Sicherheitstriebes "Safty Pinion" in die Konstruktion einfließen. Dieser Sicherheitstrieb verhindert, dass bei einem Federbruch und dem damit verbundenen ruckartigen Entspannen der Feder das Räderwerk zerstört wird.

UNITED STATES PATENT OFFICE

DIETRICH GRUEN; OF DELAWARE; OHIO

IMPROVEMENT IN CENTER-PINIONS FOR WATCHES.

Specification forming part of Letters Patent No. 157.913,

dated December 22,1874; application filed June 12, 1874 [3]

Safty Pinion Patent Dietrich Gruen 1874.
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Prototyp der TU Gruen & Son Marke "Fortschritt" /  Werknummer 32000

Im Juli 1894 gravierte Gustav Gessner den Prototyp des von Frederik und Ditrich Gruen neu auf Basis der Schablonenuhr entwickelten Glashütter Kaliber Marke "Fortschritt" mit der Werknummer 32000. Vertrieben werden sollten  diese Uhren ausschließlich auf dem Nordamerikanischen Markt. Das Neusilberwerk hatte eine geteilte Dreiviertelplatine und war für 19 bis 21 Steine ausgelegt. Die verwendete Hemmungspartie wich ebenfalls von der bis dahin in Glashütte verwendeten ab. Zur Anwendung kam eine noch vom verstorbenen Moritz Großmann entwickelte Hemmung aus Aluminiumbronze mit Moustaschanker. Auch die Rückerfeineinstellung und der auf einem Patent von Dietrich Gruen basierende Sicherheitstrieb wichen von den bis dahin in Glashütte verwendeten Komponenten ab bzw. ergänzten sie. Das optisch ansprechende und auf höchstem techischen Niveau gefertigte Werk erzielte hervorragende Gangleistungen. Die Serienfertigung begann dann im November 1894 mit der Werknummer 62000. Nach derzeitigem Kenntnisstand wurden nur etwa 6000 dieser Präzisionsuhren gefertigt, von denen 66 verifizierbar dokumentiert sind.

Das neue Werk vom Typ „Fortschritt“ wurde mit neuer Technologie in wesentlichen Teilen mit eigens aus den USA eingeführten, modernen, automatischen Maschinen bei der Firma J. Assmann gefertigt. Die Bezeichnung des Werkes mit „Fortschritt“ war gleichzeitig Programm und entsprach damit der neuen Assmann-Gruenchen Firmenphilosophie. Neben einer geteilten Dreiviertelplatine hatte das für den Export in die USA vorgesehene Neusilberwerk eine Feinstellung, die nicht der ansonsten in Glashütte verwendeten Schwanenhals-Feinregulierung entsprach. Auch kam nicht der aus einer 8- bis 9-karätigen Goldlegierung bestehende Glashütter Ankergang, sondern ein noch von Moritz Großmann entwickelter Moustach-Gleichgewichtsanker, der, wie die gesamte Gangpartie, vom Gangmacher Max Winkler für das neue Werk gefertigt wurde, zum Einsatz. [4]. Der rötlichen Färbung von Anker und Ankerrad zufolge, wurde materialmäßig nicht die von Adolph Lange entwickelte 9-karätige Gold-Legierung, sondern vermutlich die von Moritz Großmann entwickelte Aluminiumbronze-Legierung verwendet. Zulieferer der Ganpartie war der Gangmacher Winkler.

links, Blick in die Gangpartie des Gruen-Werkes und rechts, die Zeichnung des von Moritz Großmann entwickelten Moustachanker, wie er im Werk "Fortschritt" verwendet wurde. [7]
links, Blick in die Gangpartie des Gruen-Werkes und rechts, die Zeichnung des von Moritz Großmann entwickelten Moustachanker, wie er im Werk "Fortschritt" verwendet wurde. [7]

Der Werktyp „Fortschritt“ war damit das erste in Glashütte gefertigte Taschenuhrwerk, das mit neuer Technologie ohne den „Glashütter Ankergang“ sich nur noch teilweise auf die Produkte des Glashütter Verlagssystems stützte. Der Name „Fortschritt“ war unter anderem auch wegen der mit hoher Präzision, schablonenmäßig, industriell gefertigten Werkteile zum Programm geworden.

 

 

Mit dem modernen Maschinenpark und der neuen Fertigungstechnologie wurden (neue und herkömmliche Fertigung zusammengenommen) bereits im ersten Produktionsjahr 1895 die für Glashütte beachtliche Zahl von 1800 Rohwerketeile gefertigt. [4]

Bei dem hier gezeigten Werk  handelt es sich um das von Frederik Gruen entwickelte und in Glashütte, in der 1. Qualität gefertigte Werkkaliber 43 in Neusilber mit geteilter ¾ Platine, exzenter Feinregulierung und Safty Pinion. An der verwendeten Zeigerstellung, dem Moustach-Ausgleichsanker in Aluminiumbronze und der großen Chronometer-Kompensationsunruh kann man die starke Anlehnung an die Grossman'sche Fertigungslinie erkennen.

Die Fertigung begann 1894 mit der Werknummer 62000 und endete nach derzeitigem Kenntnisstand nach der Hochwasserkatastrophe des Jahres 1897 die vermutlich den gesamten Maschinenpark zerstört haben dürfte, in etwa mit der Werknummer 68000. Dabei ist sehr wahrscheinlich davon auszugehen, dass eine gößere Anzahl von bereits vorgefertigter Rohwerkteile vor den Fluten gesichert wurden und die Vollendung dieser Werke noch einige Zeit weiter möglich war. Nach eigenen Angaben der Firma Gruen gestaltete sich der Absatz der Uhren in den USA nicht im gewünschten Rahmen, sodass man sich in den USA anderen Fertigungslinien zuwendete. Um das Jahr 1900 endete die Zusammenarbeit mit der Firma Assmann, deren Teilhaber ab 1897 mit Georg Heinrich war, ein ehemaliger leitender Angestellter der Firma A. Lange & Söhne [5].

Während der Fertigungsperiode wurden am Werk verschiedene Veränderungen vollzogen. So änderte sich auch beim Eintritt des zweiten Sohnen von Dietrich Gruen der Firmenname und die Signatur auf Werk und Zifferlatt in

  "Gruen & Sons"

Angelassene Stahlbirnenzeiger der Glashütter Firma Glaeser
Angelassene Stahlbirnenzeiger der Glashütter Firma Glaeser
Georg John Gruen 1877 - 1952
Georg John Gruen 1877 - 1952

Trotz der Modernisierung in der Fertigungstechnologie sollten die traditionellen Merkmale des Glashütter Präzisionsuhrenbaus erhalten bleiben. Deshalb waren auch weiterhin eine Kompensationsunruh mit Gold- schrauben, eine Breguett-Spiralfeder, eine Feinregulierung und geschraubte Goldchatons für die Lagersteine obligatorische Bestandteile der Werke vom Typ "Fortschritt". Die Gehäuse wurden aus steuer- rechtlichen Gründen in den USA gerfertigt. Signiert wurden die Werke zuerst mit "D. Gruen & Son". Nach dem  Eintritt des zweiten Sohnes Georg Gruen in die Firma und der damit verbundnen Umbenennung in D. Gruen, Sons & Company mit "D. Gruen, Sons". [6]


Weitere Informationen zur Firma Gruen & Sons finden Sie >> hier <<

Präzisionsuhr D. Gruen & Sons, No. 63800

Fein vollendetes Werk Typ "Fortschritt"

Neusilber, eine geteilte Dreiviertelplatine und eine exzentrische Feinregulierung über einer Kurvenscheibe sind die sofort ins Auge fallenden Besonderheiten des Werkes "Fortschritt". Diese Fertigungsweise erleichtert das Herausnehmen des Federhauses und der Aufzugspartie. Glashütter Kompensationsunruh mit Goldschrauben, Breguetspirale und  Moustacheanker sind ebenso Bestandteile des Werkes, wie verschraubte Chatons, Rubin-Decksteine und goldene Laufräder.  Ein feiner Zierschliff verschönt Brücken und Kloben.

Gruen & Sons, Goldene Lepine Präzisionstaschenuhr

Das Neusilberwerk der hier vorgestellten Präzisionstaschenuhr mit der Werknummer 66164 wurde in Kooperation mit der Glashütter Firma J. Assmann von der Firma Gruensche Uhrenfabrikation Gruen & Assmann in Glashütte gefertigt, als Rohwerk nach den USA exportiert und dort in das Goldgehäuse eingeschalt. Das geschah aus zollrechtlichen Gründen. Das Werk hatte Frederik Gruen 1893 nach seinen Besuch der Deutschen Uhrmacherschule Glashütte mit seinem Vater entwickelt.  Bei dem Export mit Gehäuse wären enorm hohe Zollgebühren angefallen, die das Produkt unrentabel gemacht hätten. Die Detailaufnahmen vom Werk ermöglichen einen Einblick in die aufwendige, feine Vollendung der einzelnen Werkpartien. Die werkseitige Gravur des Herkunftsortes auf der Gestellplatine war in den USA gestzlich vorgeschrieben. Um Einfuhrschwierigkeiten zu vermeiden, wählte man "Dresden", weil Glashütte kein in den USA bekannter Ort war.

Drei bisher bekannte, unterschiedliche Werkausführungen Glashütter Gruen-Werke Typ "Fortschritt",  mit drei unterschiedlichen Signaturen.


D. Gruen & Son       D. Gruen & Söhne Dresden      D. Gruen & Sons

1894 wurde vor Beginn der Serienfertigung bereits in einer Kleinserie von 10 Stück Prototypen beginnend mit der Werknummer 32000 aufgelegt. [9]

Von den etwa 6.000 zwischen 1895 und 1900 für den amerikanischen Markt gefertigten Werken der Marke "Fortschritt" sind mir derzeit 63 heute noch existierende Werke bekannt.

  • Die niedrigste Werknummer 62001
  • Die höchste Werknummer 66939

Die Übersichtstabelle dazu finden Sie >> hier <<

Da nach dem Gruen’schen Werk mit der Nummer 66939 und der für diese Werkkonstruktion typischen geteilten ¾ Platine nur noch wenige Werke folgen - allerdings jetzt mit ungeteilter ¾ Platine und beginnend mit 67-tausender Werknummern - kann man davon ausgehen, dass die 1894 mit der Werknummer 62.000 begonnene  Serie insgesamt nur 5.000 Taschenuhren umfasste.

Bei dem nachstehenden, unsignierten Werk mit ¾ Platine und der Nummer 67337 dürfte es sich wohl um eines der letzten, wenn nicht das letzte Werk, handeln, dass man noch der Gruen‘schen Glashütter Fertigung zurechnen kann.

Gegenüberstellung des Gruen Werkes Nr. 66601

mit dem Assmann Werk 20454

Mit noch vor 1900 gefertigten Rohwerkteilen versucht nach 1905 der neue Teilhaber der Firma J. Assmann, Georg Heinrich, das von Frederik Gruen und seinem Vater 1894 entwickelte Werkkaliber in modifizierter Form neu, als Kavalieruhr auf dem Markt zu etablieren. Als Beleg dafür dient das J.A. Werk 20454, auf dem auch noch die alten Nummer 68161 der Firma Gruensche Uhrenfabrikation Gruen Assmann auf der geteilten 3/4 Platine zu sehen ist. Damit dürfte es auch als erwiesen gelten, dass die Fertigung dieser Gruen Werke in etwa mit der Werknummer 68.000 endete

Eine sehr informative, ausführliche, geschichtliche Darstellung der Verbindung zwischen Paul Aßmann, der Gruenschen Uhrenfabrikation in Glashütte und den USA finden Sie hier, veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von Herrn Dr. Ulf-Norbert Funke.(Nach neueren Erkenntnissen haben sich einige Angaben als nicht, oder nur Teilweise zutreffend erwiesen und bedurften einer Korrektur)
Assmann-Gruen.pdf
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Literatur:

[1] Deutsche Uhrmacher Zeitung Nr. 2 v.15.Jan. 1894, S. 9

[2] The Priceless Possession Of A Few A Brief History of the Gruen Watch Company, their 50th Anniversary Watch, and Contemporary Prestige Watches. by Eugene Fuller 1974 S. 9-15

[x] UNITED STATES PATENT OFFICE DIETRICH GRUEN; OF DELAWARE; OHIO IMPROVEMENT IN CENTER-PINIONS FOR WATCHES. Specification forming part of Letters Patent No. 157.913, dated December 22,1874; application filed June 12, 1874

[4] Deutsche Uhrmacher Zeitung Nr. 19 v. 1. Okt. 1895 S. 220

[5] Deutsche Uhrmacher-Zeitung Nr. 14 v.15. Juli 1897 S. 275

[6] Gruen Watches A Special Collection; Donated by Robert Dietrich Gruen; Indianapolis, Indiana; AWI ELM Charitable Trust American Watchmakers Institute 3700 Harrison Avenue Cincinnati, Ohio 45211 S. 11-12

[7]  Alte Uhren und moderne Zeitmessung 1989 Nr. 5 S. 59

[8] Deutsche Uhrmacher-Zeitung Nr.5 v.30. Jan. 1926 S. 90

[9] Werkstattbuch des Glashütter Graveurs Gustav Gessner

Der Beitrag erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, stellt den derzeitigen Kenntnisstand dar und wird, wenn neue verifizierbare Erkenntnisse vorliegen, entsprechend ergänzt.

Aktualisiert 19.11.2017

Deutsches Uhrenmuseum Glashütte - Das Bild  mit Video hinterlegt
Deutsches Uhrenmuseum Glashütte - Das Bild mit Video hinterlegt

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