Das Raumnutzwerk - Historie der Entwicklung

Entwicklungsstand der 1920er Jahre

Mit der gegenüber der Armbanduhr besseren Zuverlässigkeit und den ebenfalls besseren Gangeigenschaften dominierte in den 1920er Jahren des vorigen Jahrhunderts im täglichen Gebrauch immer noch die traditionelle Herrentaschenuhr. Bemühungen, für Armbanduhren eine höhere Ganggenauigkeit und stabilere Laufleistungen zu erreichen, waren bei den gängigen Abmessungen der runden Werkkaliber, Formwerken und Gehäusen an Grenzen gestoßen

Die für einen langen, gleichmäßigen und möglichst störungsfreien Gang erforderlichen wichtigsten Werkteile, wie Zugfeder, Federhaus, Laufwerk und Unruh, hatte man in der industriellen Fertigung der 1920er Jahre für die gebräuchlichen Werkskonstruktionen der Armbanduhrkaliber mit den damals vorhandenen Technologien und möglichen Verbesserungen ausgereizt.

Da aber die vorgenannten Qualitätsaspekte für einen endgültigen Durchbruch und die Akzeptanz der Herrenarmbanduhr von entscheidender Bedeutung waren, galt es innovative Lösungen zu finden, die bei diesen Problemen Abhilfe versprachen. Das hatten Mitte der 1920er Jahre die Verantwortlichen der seit 1853 bestehende Schweizer Firma Thommen Uhrenfabriken A.-G. in Waldenburg erkannt. Mit ihrer Firmenphilosophie standen sie schon immer technischen Neuerungen aufgeschlossen gegenüber und haben dadurch die Entwicklung der industriellen Fertigung von  Armbanduhren wesentlich mit vorangetrieben.

Konstruktive Anforderungen an eine neue Werkkonstruktion

Um den Anforderungen des Marktes gerecht zu werden, begann man als erste Firma mit der Entwicklung eines neuen, den höheren Qualitätsanforderungen gerecht werdenden Armbanduhrkalibers. Die Aufgabenstellung war: Mit welchen konstruktiven Veränderungen kann man die bei Taschenuhren zu erzielenden guten Gangeigenschaften möglichst weitgehend auch auf ein Armbanduhrkaliber übertragen.

Die wichtigsten dabei zu berücksichtigende Aspekte waren zur damaligen Zeit:

 

  • Eine große Zugfeder mit mindestens 6 Umgängen, die für eine ausreichende, gleichmäßige Kraftentfaltung sorgen kann.
  • Ein entsprechend großes Federhaus, welches die Feder aufnehmen kann.
  • Eine maximale Laufwerkgröße, welche eine große, mit geringen Toleranzen gearbeitete Verzahnung der Laufwerkräder ermöglicht und damit den Kraftverlust reduziert sowie die Empfindlichkeit bei Verschmutzung minimiert.
  • Eine maximale Unruhgröße und Trägheitsmoment, um die gegenüber der Tascheuhr größeren, durch die unvermeidlichen Bewegung hervorgerufenen Belastungen einer am Arm getragenen Uhr möglichst weitgehend zu kompensieren.

 

Dabei sollten sich aber auch die Herstellungskosten in Grenzen halten und unterhalb derer von qualitätsmäßig vergleichbaren Taschenuhren bleiben.

Präsentation des neu entwickelten "Raumnutzwerkes"

 

Im April 1929 war die Aufgabe gelöst und man konnte auf der schweizerischen Mustermesse in Basel mit einer absoluten Neuheit aufwarteten. Als weltweit erster Hersteller stellte die Schweizer Firma Revue, Uhrenfabrik A. G. Thommen, aus Waldenburg mit dem Kaliber Revue 54 der Öffentlichkeit eine Herren-armbanduhr mit einem völlig neu entwickelten, Großserien-fähigen 9 x 13 linigem Raumnutzwerk vor.

 

Konstruktive Neuerungen

 

Das Innovative bei der Konstruktion war, dass durch die Versetzung des Großbodenrades, der gewonnene Raum für ein größeres Federhaus, größeres Räderwerk und für eine größere Unruh geschaffen war. In dem Zusammenhang war allerdings die Schaffung einer 2. Ebene unter dem Federhaus mit einer Brücke für das Sekundentrieb bei 6 erforderlich.

 

Die Vorteile dieses Werkes, was man zutreffend mit „Raumnutzwerk“ bezeichnete, bestehen darin, dass infolge der jetzt möglich gewordenen Vergrößerung der entscheidenden Werkbestandteile, eine präzise Regulierung, höhere Ganggenauigkeit und stabilere Laufleistungen bei vergleichbar günstiger Kostenstruktur erreicht wurden.

Nach Herstellerangaben erzielte eine 1929 zur Gangkontrolle abgegebene Uhr innerhalb von 14 Tagen nur eine Gangdifferenz von 20 Sekunden.

Übername der Konzeption des "Raumnutzwerkes" durch die UROFA & deutsche Erstbeschreibung

Diese Idee des von der Schweizer Firma Thommen Uhrenfabriken A.-G. in Waldenburg Ende der 1920er Jahre entwickelten und erfolgreich produzierten Raumnutzwerkes Reveu Thommen Kal. 54 wurde Mitte der 1930er Jahre in Deutschland von der Uhren Rohwerkefabrik A. G. Glashütte/Sa. aufgegriffen.

Die deutsche Erstbeschreibung des sogenannten Raumnutzwerkes vom Dezember 1935
Raumnutzwerk AJU Dez.1935.pdf
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Das mit den gleichen konstruktiven Merkmalen ausgestattete und hauptsächlich nur im optischen Bereich modifizierte ebenfalls 9 x 13 linige Werk Kaliber Urofa 58 wurde dann von 1935 an kostengünstig in Großserie produziert.

Mit einer geschickten Marketingstrategie und der in den Werbeprospekten von dem Juristen Dr. Kurtz wohl gewählten Formulierung „Mit dem neuen Raumnutzwerk ist nun endlich eine Lösung gefunden worden“ werden die konstruktiven Vorzüge eines Raumnutzwerkes herausgestellt ohne dabei auf die eigentlichen Erfinder, die Schweizer Firma Thommen, einzugehen.

So entsteht, ohne es zu behaupten, beim Kunden fast zwangsläufig der Eindruck, die Konstrukteure der Urofa haben ein völlig neues Werk erfunden, was aber nicht der Fall war.

Dr. Kurtz, der  Vorstand der Uhrenrohwerke Fabrik A. G. (UROFA) war, gelang es, dieses im Wesentlichen mit dem Kaliber 54 von Reveu Thommen baugleiche Raumnutzwerk UROFA Kaliber 58 erfolgreich an eine Vielzahl von deutschen Uhrenfabriken, hauptsächlich im süddeutschen Raum,  für ihre Uhrenmodelle zu verkaufen.

Insgesamt wurden in den Jahren 1935 bis zu der wegen der Kriegsproduktion des Fliegerchronographen Urofa Kaliber 59 zu Beginn der 1940er Jahre bei der UROFA eingestellten Rohwerkeproduktion von Armbanduhrkalibern, vom Kaliber 58 und 581 ca. 500.000 Rohwerke gefertigt.

Mit dem weitaus geringeren Teil dieser von der UROFA hergestellten Rohwerke, unbestätigten Quellen zufolge sollen es nur etwa 8 - 10% gewesen sein, fertigte die Schwesterfirma Uhrenfabrik A. G. Glashütte/Sa. die Herren-Armbanduhren der Marke G-Uhr und, in fein vollendeter Ausführung in wesentlich geringerer Stückzahl, die bekannten Tutima Modelle.

Produktion des Raumnutzwerkes nach 1945

Nach Beendigung des 2. Weltkrieges 1945 und der kompletten, reparationsbedingten Demontage  der UROFA und der UFAG durch die sowjetische Besatzungsmacht, begann man bei der Glashütter Nachfolgefirma „Precis“ nach bisherigen Erkenntnissen etwa 1949/50, nach der Gründung der DDR, mit dem Kaliber 62, einer leicht modifizierten Variante des Kaliber 58,  wiederum mit der Fertigung eines Raunutzwerkes. 

Die 1951 gegründeten Glashütter Uhrenbetriebe (GUB) übernahmen die Produktionspalette von „Precis“ und modifizierten das Werk 1955 zum Kaliber 62.2, jetzt auch mit Incabloc-Stoßsicherung, ein weiteres Mal. 1958 wurde dann die vor 20 Jahren begonnen Glashütter Produktion eines Raumnutzwerkes endgültig eingestellt.

Der Beitrag erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, stellt den derzeitigen Kenntnisstand dar und wird, wenn neue verifizierbare Erkenntnisse vorliegen, entsprechend ergänzt.

Literatur:

  • Die Uhrmacher-Woche Nr.42.   1928 S. 681
  • Die Uhrmacher-Woche Nr. 20.  1929 S. 352
  • Deutsche Uhrmacher-Zeitung 1936 Nr. 13. S. 3
  • Die Entwicklung der Glashütter Uhrenindustrie Teil 9; Autoren: Ing. Helmut Klemmer, Edit Klemmer; Fachzeitschrift: Uhren und Schmuck 2/1980 S. 60-61 u. 3/1980 S.90-92

Aktualisiert 15.08.2017

Deutsches Uhrenmuseum Glashütte - Das Bild  mit Video hinterlegt
Deutsches Uhrenmuseum Glashütte - Das Bild mit Video hinterlegt

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