Torpedo- & U-Boot - Chronometer

Bei dem Glashütte Torpedoboot-Chronometer der Firma A. Lange & Söhne handelt es sich um eine Sonderkonstruktion auf Anforderung des Reichsmarineamtes vom 05. Mai 1911. Am 12. November 1911 wude dann das erste kleinkalibrige Marine-Chronometer mit der Werknummer 151 an den Auftraggeber in Berlin versandt. Bei der Prüfung der Ganggenauigkeit erreichte das Torpedoboot-Chronometer nicht den für Seechronometer vorgeschiebenen Genauigkeitswert.

ALS Verkaufsbuch S.307 [1]
ALS Verkaufsbuch S.307 [1]

Ein Ankauf durch die Kaiserliche Kriegsmarine erfolgte nicht. Die erste Kleinserie umfasste weiterhin die Werknummern 154, 156 und 157. Sie wurde am 06. März 1913 zum Stückpreis von 500,- Mark an das k. & k. Hydrographische Amt in Pola (heute Pula, Kroatien) der k. & k. Kriegsmarine Östereichs ausgeliefert. Bereits am 25. Oktober 1913 erfolgte mit den Werknummern 201 bis 205 die Lieferung einer zweiten Kleinserie an das Hydrographische Amt in Pola [1]. Eine weitere Serie folgte im November 1914, vier Monate nach dem Beginn des 1. Weltkrieges [6].

Das Marine-Stabsgebäude in Pola [2]
Das Marine-Stabsgebäude in Pola [2]

Auf diesen Torpedobooten kamen die  Chronometer zum Einsatz.

Torpedoboote im Hafen von Pola 1912
Torpedoboote im Hafen von Pola 1912

Von Paul Thielemann, der ab 1905 bei der Firma A. Lange & Söhne beschäftigt und ab 1921 Werkmeister des Bereiches Chronometrie war, existieren Aufzeichnungen aus den Jahren 1922 bis 1925, in denen er, beginnend mit Datum vom 09. Juli 1922, Arbeiten an kleinen Marinechronometern dokumentiert hat. [4]

Anstelle des Schneckenantriebes mit Kette, wie beim klassischen Marinechronometer Kaliber 100, verfügen diese kleinen Marine Chronometer über ein verzahntes Federhaus und eine Malteserstellung. [3] Als Hemmung wurde die Federhemmung beibehalten. Der Zifferblattdurchmesser betrug 65 mm, der Platinendurchmesser war 60 mm und der Durchmesser der Unruh 22 mm. [5] Sie waren wie das Standardchronometer mit einer größenmäßig angepassten, kardanischen Aufhängung versehen und ebenfalls in einem Holzkasten eingebaut. Die Abmessungen des Holzkastens betrugen 130 mm x 130 mm x 134 mm. [1] Nach den Unterlagen der Firma A. Lange & Söhne wurden bis 1920 mit den Werknummern 151, 154, 156, 157, 201 bis 220 sowie 231 bis 240 insgesamt 34 Torpedoboot-Chronometer gefertigt. Ob die vor 1920 gefertigten Torpedoboot-Chronometer in einer eigenständigen Konstroktion mit Kette und Schnecke gefertigt wurden, konnte bisher nicht geklärt werden.

In den folgenden Jahren wurden noch einmal zwei Kleinserien, kleinkalibriger Marinechronometer mit den Werknummern 501 bis 512 und 526 bis 540 aufgelegt, sodass die Gesamtzahl der von der Firma A. Lange & Söhne gefertigten Torpedo- & U-Boot-Chronometer 60 Stück beträgt. [1] 

Die Quellenangaben zu diesen Chronometern sind recht spärlich, bieten aber trotzdem Material für weitere Rechercheansätze.

[10]
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1932/33, zur 56. Wettbewerbsprüfung an der Seewarte Hamburg, wurde das von Paul Thielemann regulierte kleinkalibrige Seechronometer Nr. 530 zur Prüfung außerhalb des Wettbewerbes eingesandt. Die mittlere Gangabweichung betrug 3,45 Sekunden. [5] 1933/34, zur 57. Wettbewerbsprüfung an der Seewarte Hamburg, wurde das von Paul Thielemann regulierte kleinkalibrige Seechronometer Nr. 527 zur Prüfung außerhalb des Wettbewerbes eingesand. Die mittlere Gangabweichung betrug 5,32 Sekunden. [5] Aus dem Jahr 1939 sind von Paul Thielemann Gangbeobachtungen an dem U-Boot-Chronometer Nr. 527 dokumentiert. [4] Im Vergleich dazu lagen die Gangabweichungen der hochseefähigen, klassischen Glashütter Marinechronometer der Firma A. Lange & Söhne zu dieser Zeit zwischen 1,22 und 2,65 Sekunden.

Kleines ALS Marine-Chronometer Nr. 527 [1]
Kleines ALS Marine-Chronometer Nr. 527 [1]

Bis 1990 befand sich das letzte derzeit bekannte U-Boot-Chronometer in den Ausstellungsräumen des Traditionskabinettes des Kulturhauses der Glashütter Uhrenbetriebe GmbH, bevor es in der Nacht vom 20. auf den 21. Oktober 1990 zusammen mit einer ganzen Reihe weiterer wertvoller Exponate gestohlen wurde. [1]

1933

Auch an der Deutschen Uhrmacherschule Glashütte beschäftigt man sich zu Beginn der 1930er Jahre mit der Konstruktion und der Fertigung kleinkalibrige Marinechronometer. Entgegen der von Kurt Herkner in seinem Buch “Deutsche Uhrmacherschule Glashütte“ aufgestellten, aber weder belegten, noch verifizierbaren Behauptung es wäre an der Schule nur ein einziges „Torpedoboots-Chronometer“ gefertigt worden, kann derzeit zumindest die Fertigung von sechs kleinen Marinechronometern mit Schnecke verifizierbar nachgewiesen werden. Erstmals wurde auf der Abschlußfeier des Schuljahres 1933/34 explizit als „besonders hervorstechend, die Neuerung im Bau von kleinen Seechronometern“ erwähnt. Der Begriff „Torpedoboot-Chronometer“ wurde für die kleinkalibrigen Marinechronometer der Deutschen Uhrmacherschule weder von der Schule, noch von der Fachpresse der damaligen Zeit verwendet. Verwendet wurde die Bezeichnung Torpedoboot-Chronometer nur für die von der Firma A. Lange & Söhne vor und während des ersten Weltkrieges an die Österreichische Kriegsmarine gelieferten kleinkalibrigen Marinechronometer [7]; [8]; [9]. 

Quelle: [10]
Quelle: [10]

Auch die von der Firma A. Lange & Söhne in den 1930er Jahren zur Prüfung außer Konkurrenz an der Deutschen Seewarte Hamburg eingereichten kleinen Chronometer wurden offiziell so und nicht als Torpedoboot-Chronometer bezeichnet [10]. Sie unterscheiden sich u.a. von denen der Deutschen Uhrmacher-schule auch dadurch, dass sie keine Schnecke und Kette haben. In der Fachpresse der folgenden Jahre wurde dann für die kleinkalibrigen Marine-chronometer der Begriff U-Boot-Chronometer geprägt und verwendet.

1943 wurde mit einem modifizierten Beobachtungsuhrwerk Kaliber 48 das sogenannte B-Chronometer Kaliber 48 konstruiert und gefertigt. Es war allerdings aufgrund der für den Einsatz auf hoher See nicht ausreichenden Ganggenauigkeit nur für den Einsatz in küstennahen Gewässern zugelassen.  Dieses und das nachfolgend dokumentierte Chronometer Kaliber 48T sind mit dem Torpedoboot-Chronometer nicht baugleich und stellen eine eigenständige Baureihe dar.

U-Boot-Chronometer Kaliber 48

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Wie die nachstehende Konstruktionszeichnung belegt, wurde zum Ende des zweiten Weltkrieges im Jahr 1944 noch einmal auf der Basis des Kalibers 48 mit Auf- und Abwerk ein kleines Chronometer, gegenüber dem U-Boot-Chronometer mit einem etwas vergrößerten 60 mm betragenden Werkdurch- messer, das Kaliber 48T,  von der Firma A. Lange & Söhne konstruiert. Es sollen davon nur fünf Musterexemplare hergestellt worden sein, von denen vier am letzten Kriegstag im Mai 1945 durch einen Bombentreffer im Firmengebäude zerstört wurden. Ein außer Haus befindliches Exemplar ist erhalten geblieben und wurde von dem Berliner Restaurator Jörg Hein 1989 in der Fachzeitschrift Uhren und Schmuck dokumentiert. [4]

ALS Kaliber 48T.pdf
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Blatt 1 der Konstruktionszeichnung für das U-Boot-Chronometer Kaliber 48  vom 31.10.1944 [4]

Das Uhrwerk im Werkring nach Abnahme des Zifferblattes
Das Uhrwerk im Werkring nach Abnahme des Zifferblattes
Uhrwerk nach Herausnahme aus der Chronometerkapsel auf dem Glasring liegend.
Uhrwerk nach Herausnahme aus der Chronometerkapsel auf dem Glasring liegend.
Die aufgeschnittene Kompensationsunruh mit Breguetspirale
Die aufgeschnittene Kompensationsunruh mit Breguetspirale

Literatur:

  • [1] Christian Schmiedchen; Marine- Chronometer aus Glashütte; Uhren - Journal für den Sammler klassischer Zeitmesser Heft 1/1993 S. 10-20 u. Die Glashütter Marinechronometer; Fachzeitschrift Uhren & Schmuck Heft 5/1986 S.143-144
  • [2] http://www.kuk-kriegsmarine.at/pola.htm (letzter Zugriff 09.09.2014)
  • [3] Otto Thielemann, Das klassische Marinechronometer in der Glashütter Produktion; Fachzeitschrift Uhren & Schmuck Heft 1/1980 S.20-23
  • [4] Jörg Hein; Fachzeitschrift Uhren & Schmuck Heft1/1989 S.25-27
  • [5] Kurt Herkner; Glashütte und seine Uhren, Eigenverlag 1978 S.259
  • [6] Verkaufsbuch der Firma A. Lange & Söhne S.307
  • [7] Uhrmacherkunst Nr.19 v. 04. Mai 1934 S.247
  • [8] Uhrmacherkunst Nr. 20 v. 10. Mai 1935 S. 260-261
  • [9] Deutsche Uhrmacher-Gehilfenzeitung Nr.49 v. 29. Nov. 1935 S. 122
  • [10] Die UhrmacherkunstNr.18 v. 02. Mai 1930 S. 344

Der Beitrag erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, stellt den derzeitigen Kenntnisstand dar und wird, wenn neue verifizierbare Erkenntnisse vorliegen, entsprechend ergänzt.

Aktualisiert 26.03.2017

Deutsches Uhrenmuseum Glashütte - Das Bild  mit Video hinterlegt
Deutsches Uhrenmuseum Glashütte - Das Bild mit Video hinterlegt

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