Ankerchronometer Kaliber 100

 

Nach dem 1. Weltkrieg ging die Produktion von Marinechronometern mangels Nachfrage zwar erheblich zurück, aber es wurde schon Ausgangs der 1920er Jahre mit dem Ziel eine höhere Gangleistungen zu erzielen, mit rationelleren Fertigungsmethoden den Produktionsablauf zu optimieren um schlussendlich auch Kosten zu sparen, am klassischen Chronometer experimentiert. Neben dem Einsatz neuer Materialien wurde auch mit baulichen Veränderungen Versuche unternommen. So wird 1934/35 mit der Chronometernummer 692 von A. Lange & Söhne ein Ankerchronometer zur Konkurrenzprüfung zur Seewarte Hamburg geschickt. Da ein Jahr später mit der Nummer 692 ein zweites Ankerkronometer Kaliber 100 zur Prüfung vorgestellt wird, kann man davon ausgehen, dass die dazwischen liegende Zeit dazu genutzt worden ist an weiteren Verbesserungen zu arbeiten.

Beschreibung der Ausführung der Ankerhemmung im Seechronometer Kaliber 100 der Firma A. Lange & Söhne aus dem Jahr 1943

Seechronometer mit Ankerhemmung
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Besonderheiten des gezeigten Ankerchronometers

  • Nivarox-Spirale
  • Federhaus mit 96 Zähnen (statt 98)
  • Minutentrieb mit 14 Zähnen
  • Gangdauer nur 34,2 h
  • Zeigerstellung - seitwärts außen
  • Metallgehäuse mit anthrazitgrauer Luftwaffenfarblackierung
  • Aufhängung mit der so genannten „Buna-Aufhängung“ (synthetischer Kautschuk), einfaches Gelenk mit Arretierung, synthetischer Kautschukring innen 109 mm, außen 165 mm, Stärke 5 mm.
  • Dieser Chronometertyp erhielt die Bezeichnung BO 300.

 

Das diese Experimente zumindest zeitweise zu einem gewissen Erfolg geführt haben, dürfte man daraus ableiten können, dass zum Beginn des Jahres 1937 ein Auftrag des Reichsluftfahrt-Ministeriums zur Lieferung von diesen Ankerchronometern erteilt wird.

Da das hier vorgestellte Ankerchronometer mit der Nummer 1102 aus dem  vorgenannten Auftrag stammt und nicht über die bei den herkömmlichen Marine-Chronometern sonst übliche kardanische Aufhängung verfügt, sondern mit der neu entwickelten so genannten Buna-Aufhängung ausgestattet ist, ist klar, dass diese Chronometerausführung nicht für einen Einsatz zur See vorgesehen waren. Es wir am 19.01.1939 an den Auftraggebe ausgeliefert.

Die sonst übliche kardanische Aufhängung gewärleistet zwar einen Horizontalausgleich von Schiffsbewegungen auf hoher See perfekt, kann aber aufgrund ihrer Konstruktionsweise, kurze harte Stöße nicht abfangen.

Das Reichsluftfahrt Ministeriums benötigte Ankerchronometer mit einer speziellen Aufhängung um Beschädigungen des empfindlichen Gerätes durch die die harten Stöße, die bei der Landung eines Flugzeuges beziehungsweise auch bei einem Kraftfahrzeugtransport über Kopfseinpflaster auftreten, unbeschadet zu überstehen.

Da der Bedarf an diesen speziellen Geräten nicht sehr hoch war, gab es, innerhalb der etwa 442 Gräte umfassenden Gesamtzahl auch nur eine sehr kleine Serie von vielleicht einen Dutzend Ankerchronometer mit dieser Aufhängung aus dem neu entwickelten synthetischen Buna-Kautschuk.


Vor der Auftragserteilung gab es auch noch mit der Nummer 699 einen weiteren Versuch einer Aufhängungsvariante bei dem mittels Schraubenfedern ebenfalls vorrangig kurze heftige Stöße abgefangen werden sollten. Diese Art der Aufhängung wurde aber wieder verworfen, weil sie offensichtlich den Anforderungen nicht genügte.

Die vorsorgliche separate Reservierung der Nummern 1000 bis 2000 im Auftragsbuch der Firma A. Lange & Söhne für diese Chronometerbauweise deutete darauf hin, dass Aufträge für eine wesentlich gößere Anzahl Ankerchronometer erwartet wurden, was aber mit der dann 1942 angewiesenen Kriegsproduktion des Einheitschronometers hinfällig war.

Die Fertigung wird 1942 mit der Nummer 1430, zu Gunsten der ab 1943 gefertigten Einheitschronometer Kaliber 100, eingestellt.

Insgesamt dürfte es sich mit den 5 vor der offiziellen Nummerierung und den nachgewiesenen 7 nach Kriegsende von 1945 bis 1948 aus restlichen Rohwerken gefertigten Ankerchronometern um 442 gefertigte Ankerchronometer handeln.

Der Beitrag erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, stellt den derzeitigen Kenntnisstand dar und wird, wenn neue verifizierbare Erkenntnisse vorliegen, entsprechend ergänzt.

Literatur:

  • Das Klassische Marinrchronometer in der Glashütter Produktion; Autor: Ing. Otto Thielemann; Fachzeitschrift Uhren und Schmuck Heft 1/1980
  • Marine-Chronometer aus Glashütte, Autor; Christian Schmiedchen; Uhrenjournal für den Sammler; Heft 8/1991
  • Glashütter Armbanduhren II; Autor: Kurt Herkner; Herkner Verlags GmbH; ISBN 3-924211-06-X
  • Marine- und Taschenchronometer. Geschichte - Entwicklung - Auswirkungen; Autor: Hans von Bertele; ISBN 3766705121
  • „Die Entwicklung der Glashütter Uhrenindustrie“  Autor Ing. Helmut Klemmer u. Edith Klemmer Fachzeitschrift: Uhren und Schmuck 1/1979 bis 4/1980
  • Deutsche Hersteller von Präzisionsuhren: Paul Stübner aus Glashütte Autor, H. J. Kummer Chronosbeilage „Klassik Uhren“ Heft 6/2000  
  • Die Chronometermacher in Deutschland im 19. Jahrhundert; Autor Manfred Lux Fachzeitschrift „Alte Uhren und moderne Zeitmessung“ 12/1988
  • Die Uhren von A.Lange & Söhne, Autor Martin Huber, München

Aktualisiert 26.03.2017

Deutsches Uhrenmuseum Glashütte - Das Bild  mit Video hinterlegt
Deutsches Uhrenmuseum Glashütte - Das Bild mit Video hinterlegt

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